Russlands Geschichtsmythen entlarvt

Quelle: W. Putin: „Krym-Rede“ (18. März 2014) & „Über die historische Einheit der Russen und Ukrainer“ (12.07.2021) 

Ziel: Russlands expansionistische Ansprüche rechtfertigen 

ZUM ARTIKEL

Spätestens der Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine lässt keinen Spielraum mehr, um etwaige positive Konnotationen am Begriff der „russischen Welt“ finden zu können. Das Konzept istoritscheskaja Rossija (dt. historisches Russland) derweil ist im Westen weniger bekannt, gleichwohl hat es eine viel längere Begriffsgeschichte und wird von Putin und der Kremlpropaganda in den letzten Jahren immer häufiger benutzt.

Dekoder-Redakteur Dmitry Kartsev erläutert, wo die Wurzeln beider Begriffe liegen und wieso das „historische Russland“ auch für Europa noch schlimmere Folgen haben könnte als Russki mir.
KI-Hinweis: Die Illustration hat dekoder mit Google Gemini erstellt.

Text: Dmitry Kartsev02.01.2026

Wie benutzen Putin & Co. die Russische Welt und das historische Russland?

Der Begriff Russki Mir (dt. russische Welt) tauchte in den 2000er Jahren in den Reden von Wladimir Putin und Dmitri Medwedew auf. Das Konzept war noch früher entwickelt worden, wobei ihn die Kremlchefs ursprünglich eher verwendeten, um zu belegen, dass „Russen“, die zu Sowjetzeiten oder kurz nach dem Zusammenbruch der UdSSR aus politischen Gründen ins Ausland geflohen sind, trotzdem eine spirituelle und kulturelle Verbindung zum heutigen Russland behalten würden.

Mit der Annexion der Krym 2014 aber zeigt sich auch ein expansionistischer Kern des Begriffs: In Putins sogenannter „Krym-Rede“ wird impliziert, dass die im Sinne der „russischen Welt“ ethnischen Russ:innen ein Recht darauf hätten, in einem gemeinsamen Staat zu leben. Der sei natürlich Russland. Dabei versteht Putin und seine Propaganda unter „Russen“ auch Ukrainer:innen sowie Belaruss:innen.

In jener „Krym-Rede“ werden die beiden Begriffe Russki Mir und istoritscheskaja Rossija (dt. historisches Russland) nebeneinandergestellt. Putin verwendet sie praktisch als Synonyme. Dabei kommt das „historische Russland“ bei Putin 2014 nicht zum ersten Mal vor. Schon 2012 nutzte er den Begriff in einem seiner Wahlkampfartikel: Russland sei und bleibe ein Vielvölkerstaat, in dem „hunderte Völker zusammen und neben Russ:innen auf ihren Gebieten leben“.

Zum allerersten Mal verwendeten russische konservative Denker im 19. Jahrhundert den Begriff istoritscheskaja Rossija. Nach der Russischen Revolution stellten die Philosophen im Exil – darunter Iwan Iljin, den Putin sehr schätzt – das „historische Russland“ dem bolschewistischen Regime gegenüber.

In den letzten Jahren spricht Putin nun immer häufiger vom „historischen Russland“. Zum Beispiel in seinem berüchtigten Aufsatz „Über die historische Einheit der Russen und Ukrainer“ vom Juli 2021, der als ideologische Rechtfertigung für den vollumfänglichen Angriffskrieg gegen die Ukraine diente.

Was bedeuten diese beiden Konzepte? 

Aus rein geschichtswissenschaftlicher Sicht ist klar, wie hochproblematisch die beiden Begriffe sind: Sie suggerieren, dass die Bevölkerungen aller Länder und Gebiete, die den russischen Schulbüchern (also dem staatlichen Geschichtsnarrativ) zufolge irgendwann einmal zu Russland gehört haben, ihre Identität mit dem heutigen Russland verbinden müssten.

Das ignoriert alle anderen historischen Perspektiven sowie die Tatsache, dass viele dieser Regionen kriegerisch erobert wurden. Dieses Narrativ betrifft dabei nicht nur unabhängige Länder wie die Ukraine, Belarus oder Lettland, sondern auch Gebiete innerhalb Russlands, deren Vergangenheit weitgehend auf ihre Beziehungen zum „großen Russland“ reduziert wird. Man impliziert dabei, dass diese Verbindung nahezu ausschließlich positive Aspekte gehabt habe.

Hier wird deutlich, dass die Geschichte des russischen Kolonialismus bisher nie umfassend aufgearbeitet wurde. Geschichtsbücher sprechen von einer „Erweiterung“ Russlands oder der „Eingliederung neuer Gebiete“, aber thematisieren nur selten die koloniale Herrschaft über Länder und Gesellschaften, die bis heute teilweise zu Russland gehören.

Russlands offizielles Narrativ blendet aus, dass die unterschiedlichen beschriebenen Staats- bzw. Protostaatsformen nicht selten in Konkurrenz zueinander und zum heutigen Russland stehen. So betrachtete etwa die bereits erwähnte russische Exilphilosophie des 20. Jahrhunderts, die häufig den Begriff des „historischen Russland“ verwendete, das sowjetische Russland nicht als Fortführung des Russischen Reichs, sondern als Bruch damit. Aus wissenschaftlicher Perspektive ist auch die Propaganda-These des Kremls umstritten wonach, das heutige Russland seine Wurzeln in der Alten Rus habe.

Paradoxerweise spielt die Geschichte in Putins Interpretation des „historischen Russland“ eine sehr begrenzte Rolle: Ihn interessieren nicht die gesellschaftlichen Entwicklungen, sondern die geografischen Grenzen jenes Raumes, den Moskau heute für „russisch“ hält.

Der Begriff der „russischen Welt“ wiederum inszeniert die politische Vorstellung, dass sich die „Russen“ (gemeint sind vor allem russischsprachige Menschen), die im Ausland leben (insbesondere in den Nachbarländern) hauptsächlich mit Russland identifizierten. Dadurch erhalte der Kreml ein „Recht“, wenn nicht sogar eine Pflicht, sie zu „schützen“. Wie dieser „Schutz“ aussehen kann, sieht die ganze Welt seit fast vier Jahren am Beispiel der Ukraine.

Dass beide Konzepte nicht mit dem Völkerrecht vereinbar sind, ist offensichtlich.

Was macht das historische Russland schlimmer als die Russische Welt?

Der Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine lässt praktisch keinen Spielraum, um etwaige positive Konnotationen zu finden, die mit dem Russki Mir verbunden sein könnten. Das Konzept des historischen Russland ist im Westen weniger bekannt, obwohl es in Putins Interpretation noch gefährlicher werden könnte.

Bereits 2016 hat Putin erklärt, dass die Grenzen Russlands nirgendwo aufhörten. Das sollte ein Scherz sein, doch der klang bereits damals, zwei Jahren nach der Krym-Annexion, bedrohlich. Im Sommer 2025 sagte Putin beim Internationalen Wirtschaftsforum in St. Petersburg: „Wo der Fuß eines russischen Soldaten steht, das gehört uns.“

Während es beim Begriff der Russischen Welt um – oft nur vermeintliche – kulturelle, gesellschaftliche, sprachliche sowie geistige Verbindungen geht, stellt das Konzept des historischen Russland explizit fest, dass für die heutigen territorialen Ansprüche Moskaus allein Eroberungen in der Vergangenheit ausreichten. Der Krieg selbst wird damit als politisches Mittel legitimiert.

Schaut man außerdem auf die ursprüngliche Bedeutung der Wortverbindung aus der konservativen russischen Publizistik des 19. Jahrhunderts zurück, wird deutlich: Das historische Russland, so einer der damaligen Denker, sei idealerweise ein Land mit starker Regierungsmacht, die allein und lebendig sein solle, nicht kollegial oder abhängig. Auch diese Formel sollte Putin angesichts seiner illiberalen und autokratischen Regierungsform naheliegen.

Ob Putin Russlands Angriffskrieg auf Europa ausweiten wird, ist aktuell nicht eindeutig klar. Aber die ideologische Rechtfertigung für solch eine Eskalation ist schon vorhanden.


Diesen Beitrag veröffentlichen wir in Kooperation mit der Deutschen Sektion der Deutsch-Russischen Geschichtskommission und dem BKGE Oldenburg

Dieser Beitrag ist ein Teil unseres Projekts „Russlands Geschichtsmythen entlarvt“.

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