Russlands Geschichtsmythen entlarvt

Quelle: W. Putin: „Krym-Rede“ (18. März 2014), Rede vor der Föderationsversammlung (4. Dezember 2014) 

Ziel: Rechtfertigung der Krym-Besetzung und -Annexion

ZUM ARTIKEL

Mit dem Mythos, die Krym sei schon immer russisch gewesen, will Putins Russland seine Annexion der ukrainischen Halbinsel 2014 rechtfertigen. Obwohl dieses Narrativ nicht den historischen Tatsachen entspricht, hat es doch starke Wirkung entfalten können innerhalb der russischen Gesellschaft sowie im Ausland: bei den Einen nationalistische Euphorie, bei den Anderen ein Abschwächen des politischen Widerstandes.

Der Historiker und Publizist Ignaz Lozo umreißt die Ereignisse, die Russlands Krym-Erzählung verschweigt: von der krymtatarischen Geschichte über die zaristischen und sowjetischen Russifizierungsversuche bis hin zu Putins militärischer Aneignung ukrainischen Staatsgebietes.


KI-Hinweis: Die Illustration hat dekoder mit Google Gemini erstellt.

Text: Ignaz Lozo09.01.2026

Wie lief Russlands Annexion der ukrainischen Krym ab?

Am 27. Februar 2014 besetzten auf der ukrainischen Halbinsel Krym bewaffnete russische Sondereinheiten ohne Hoheitsabzeichen das Parlamentsgebäude in der Hauptstadt Simferopol. Der legitime Ministerpräsident der Autonomen Republik Krym, Anatolij Mohiljow, wurde abgesetzt und durch den Abgeordneten Sergej Axjonow von der russlandfreundlichen Kleinpartei Russische Einheit ersetzt.

Dem vorausgegangen waren monatelange Euromaidan-Proteste in Kyjiw und anderen Städten der Ukraine: Die Menschen demonstrierten für eine Annäherung an die EU, die der russlandfreundliche ukrainische Präsident Viktor Janukowytsch zunächst eingeleitet hatte, dann aber auf Druck aus Moskau abrupt beendete. Dies war der Auslöser für die Demos, gegen die Janukowytsch letztlich mit Gewalt vorging. Infolge der Protestwelle verlor Janukowytsch seine Macht und floh in der Nacht zum 22. Februar aus Kyjiw nach Russland. Am 4. März 2014 entsandte die OSZE unbewaffnete Militärbeobachter. Doch der Zutritt zur Krym wurde den Beobachtern durch die russischen Machthaber verwehrt.

Wie rechtfertigt der Kreml die Krym-Annexion?

Am 18. März hielt Wladimir Putin im Kreml eine Rede zur Annexion der Krym. Noch am selben Tag unterzeichnete er unter anderen mit seinem Krym-Statthalter Axjonow den „Beitrittsvertrag“.

In seiner Rede stellte Putin die Annexion als legitimen Akt einer russischen Wiedervereinigung dar, verglich ihn gar mit der Wiedererlangung der Deutschen Einheit 1990. Er berief sich auf das Tage zuvor abgehaltene Scheinreferendum, bei dem die Krym-Bewohner gar nicht für den Status Quo stimmen konnten. Und er berief sich in aller Länge auf die Historie, insbesondere die Annexion der Krym durch Zarin Katharina II. im Jahr 1783, die die Halbinsel „von nun an und für alle Zeiten“ als russisch deklarierte. Er fügte mit Pathos hinzu, die Krym sei im Herzen der Russen stets ein integraler Bestandteil Russlands.

Auf der Krym lebt unser Volk.

Putin im Dezember 2014

Neun Monate später, nach den ersten westliche Sanktionen, steigerte Putin die historische Bedeutung der Krym für Russland, indem er vor der Föderationsversammlung am 4. Dezember 2014 sagte:

„Das [die Annexion der ukrainischen Krym – dek] war ein Ereignis von besonderer Bedeutung für das Land und das Volk, denn auf der Krym lebt unser Volk, und die Halbinsel ist für Russland von strategischer Bedeutung als spirituelle Quelle der Entwicklung einer facettenreichen, aber soliden russischen Nation und eines zentralisierten russischen Staates. Auf der Krym, in der antiken Stadt Chersones oder Korsun, wie sie von alten russischen Chronisten genannt wurde, wurde Großfürst Wladimir getauft, bevor er das Christentum in die Rus brachte. […] Die Krym, das antike Korsun oder Chersones und Sewastopol sind für Russland von unschätzbarer zivilisatorischer und sogar sakraler Bedeutung. Genauso wie es der Tempelberg in Jerusalem für die Muslime und die Juden ist. Genauso werden wir uns dazu von nun an und für immer verhalten.“

Die Verbreitung dieses Narrativs hatte zwei wesentliche Gründe: Es war und ist der Versuch, gegenüber dem Westen die völkerrechtswidrige Krym-Annexion zu legitimieren. Wenngleich Putin die meisten Regierungen nicht davon überzeugen konnte, so hat er doch in Teilen der westlichen Bevölkerungen die Empörung über den Völkerrechtsbruch abgeschwächt, sogar bisweilen für Verständnis für die Einverleibung gesorgt.

Nach innen nutzte er die von der Bevölkerung in Russland überwiegend gefeierte Annexion, die dort natürlich nicht so genannt wurde, als identitätsstiftendes Ereignis, das den Nationalstolz der Russen beleben sollte.

Krym nasch (Die Krym gehört uns) wurde ab März 2014 in Russland rasant ein höchst populärer Ausdruck jener patriotischen Stimmung, die durch die sozialen Medien und das vom Kreml kontrollierte Fernsehen erzeugt wurde.

Wie hat sich die Krym historisch wirklich entwickelt?

Die Krym hat indes tatsächlich eine wechselvolle Geschichte, deren nähere Betrachtung allein ab dem späten Mittelalter den Putinschen Mythos, die Krym sei ein heiliger Ort für die Russen, in sich zusammenfallen lässt.

Die Krym stand ab 1475 rund 300 Jahre lang unter Osmanischer Herrschaft. Davor herrschten verschiedene Völker oder Fürstentümer über die Krym. Nie aber gelang es den Slawen, insbesondere nicht dem Kyjiwer Fürsten Wladimir, die Krym zu dominieren und dauerhaft unter Kontrolle zu bekommen.1

Das änderte sich erst im Russisch-Türkischen Krieg von 1768 bis 1774, mit dem das formal unabhängig gewordene Krymchanat unter starken Einfluss des russischen Zarenreiches geriet. Doch Einfluss allein reichte Katharina der Großen nicht. 1783 annektierte sie die Krym.

Die meisten Krymtataren flohen ins Osmanische Reich. Unter Katharina setzten erstmals Russifizierung und Unterdrückung der Krymtataren ein.2

1853 begann das Russische Reich gegen das Osmanische Reich den Krym-Krieg, um Zugang zum Mittelmeer und stärkeren Einfluss auf dem Balkan zu bekommen. Doch nach dem Eintritt Großbritanniens, Frankreichs und später auch Sardinien-Piemonts auf Seiten der Osmanen verlor Russland 1856 den Krieg. Zar Alexander II. beschuldigte – wie später Stalin im Zweiten Weltkrieg – die muslimischen Krymtataren des Verrats; eine neue Verfolgungs- und Fluchtwelle setze ein.

1857 sprach Zar Alexander II. ganz offen von der „,Säuberung‘ der gesamten Krym von den Tataren“, um sie durch „Bauern aus den inneren Provinzen“3 zu ersetzen.

Nach der ersten gesamtrussischen Volkszählung von 1897 stellten die Russen nur 33 Prozent der Krym-Bevölkerung. Die Mehrheit stellten weiterhin die Krymtataren.

In der Sowjetzeit kehrte die Russifizierung nach der brutalen Massen-Deportation der Krymtataren 1944 zurück, bei der viele schon auf dem Transport starben. Stalin ließ sie überwiegend nach Usbekistan verschleppen.

Seit den 1950er-Jahren verlangten die Krymtataren Wiedergutmachung für das fürchterliche Unrecht, das ihnen angetan wurde. Stalins Nachfolger Chruschtschow und Breshnew erkannten dieses Unrecht zwar an, verweigerten ihnen aber die Rückkehr in ihre Heimat. Während die Proteste der Krymtataren1966/67 in Usbekistan noch mit Polizeigewalt und mithilfe des KGB niedergeschlagen wurden, änderte sich unter Gorbatschow alles: Ab 1987 durften die Krymtataren zurück in ihre Heimat. Ihr Bevölkerungsanteil auf der Krym beträgt heute etwa zwölf Prozent – wobei nur etwa die Hälfte der Deportierten von der Rückkehrmöglichkeit Gebrauch machte.4

Wie behandelt Russland die Krymtataren seit der Annexion?

Unter Putin werden krymtatarische Männer zum Militärdienst gegen die Ukraine gezwungen, krymtatarische Organisationen und Aktivisten verfolgt. Die gesamte Bevölkerung wurde formal russifiziert, indem man sie zur Annahme der russischen Staatsbürgerschaft zwang. In Schulen auf der Krym ist Ukrainisch seit 2023 als Unterrichtsfach verboten. Öffentliches Gedenken an die Deportationen und Morde durch Stalin an den Krymtataren, wie es vor 2014 unter der Regierungshoheit der Ukraine noch möglich war, ist jetzt verboten. Russland entwickelte seit 2014 auf der Krym ein Repressionssytem, das es seit 2022 auf alle besetzten ukrainischen Gebiete ausweitet.

Dass die Krym schon immer russisch gewesen sei, wie von Putin behauptet, ist eine absurde und ahistorische, aber teilweise erfolgreiche Erzählung.


Diesen Beitrag veröffentlichen wir in Kooperation mit der Deutschen Sektion der Deutsch-Russischen Geschichtskommission und dem BKGE Oldenburg.

Dieser Beitrag ist ein Teil unseres Projekts „Russlands Geschichtsmythen entlarvt“.

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    Fußnoten

    Vgl. Kerstin S. Jobst: Über die „unvergleichbare Krim“. In: Aus Politik und Zeitgeschichte 6-8/2024, S.40 – 46, hier: S. 41

    Vgl. Ignaz Lozo: Gorbatschow – Der Weltveränderer. Freiburg, Basel, Wien 2024, S. 264

    Russisches Historisches Staatsarchiv (RGIA), f. 384, op.8, d. 434, I.23, zitiert in Waerij E. Wosgrin, Istorija krymskich tatar, Bd. 2, Simferopol 2013, S. 616. In: Rory Finnin: Die Krim und die Krimtataren. Aus Politik und Zeitgeschichte 6-8/2024, S.28

    Vgl. Lozo: Gorbatschow – Der Weltveränderer, S. 264