Moskau beschreibt die Alte Rus als Wiege des „russischen Volkes“, als Ursprung des Russländischen Imperiums, der Sowjetunion und der heutigen Russländischen Föderation. Damit nutzt es die jahrtausendealte Geschichte, die sich geografisch deutlich weiter westlich – nämlich auf dem Gebiet der heutigen Ukraine und Belarus’ – abspielte, und konstruiert daraus ein Narrativ, das hybride Einflussnahme und sogar einen zerstörerischen Krieg gegen Nachbarstaaten rechtfertigen soll. Besonders deutlich zeigt das Wladimir Putins Artikel „Über die historische Einheit der Russen und der Ukrainer“ vom 12. Juli 2021, ein gutes halbes Jahr vor der russischen Vollinvasion in der Ukraine. Zwei Jahre später wiederholt er diesen Mythos vor dem Weltkonzil des russischen Volkes

Dieser Mythos ist in vielerlei Hinsicht problematisch. Denn in all diesen Darstellungen übergeht Russlands Erzählung völlig die diversen, oft Moskau-unabhängigen Entwicklungen der Rus in anderen historischen Perspektiven. Und warum sollte das falsche Narrativ vom gemeinsamen historischen Ursprung der Russen, Belarussen und Ukrainer nun gerade eine russländische Übermacht begründen und deren gewaltsame Durchsetzung rechtfertigen?  

Der Historiker Andrej Doronin geht dem russischen Mythos vom „einigen Volk“ der Russen, Belarussen und Ukrainer auf den sehr tiefen geschichtlichen Grund und erläutert, wie sich die Verständnisse der nicht-russländischen Rus vom Moskauer Mythos unterscheiden.  


KI-Hinweis: Die Illustration hat dekoder mit Google Gemini erstellt.

Text: Andrej DoroninÜbersetzung: Ruth Altenhofer16.10.2025

Nach heutiger Lehrmeinung beginnt die Geschichtsschreibung eines Volkes nicht bei den Ursprüngen seiner Staatlichkeit, sondern mit der Entstehung der Nation. Eine Nation ist älter als ihre staatlichen Institutionen – denn diese gehen erst aus der Nation hervor. Und auch der Nationalstaat als Ganzes entsteht erst in einem späteren Stadium der nationalen Selbstorganisation; die Nation ist das Ursprüngliche.  

In der Neuzeit wurde die Nation stärker als die einzelnen Institutionen des Staates, der Kirche, der Stände etc. und ordnete sie sich in einer Hierarchie der sozialen Institutionen unter.  

Mit solch einem Ursprungsmythos, der die Unverwechselbarkeit des ethnokulturellen „Eigenen“ garantiert, beginnt heute jede moderne europäische Nation und die Idee einer modernen Nation per se.         

Für Russland aber ist diese Idee einer Nation zu eng, es definiert seine eigene Dimension von Geschichte. Weder der Mensch noch die Zivilgesellschaft noch die Nation, und schon gar nicht das Projekt eines gemeinsamen transnationalen Europas, sondern der Staat dominiert die Identitätshierarchie. 

Für Putins Russland ist der Staat Beginn und Fundament, Rückgrat und Garant, ein Symbol, das seit dem sogenannten Russki Mir der Rurikiden keine Diskonuität zu kennen scheint. Die Jahrhunderte der kulturellen Vielfalt der rus1, die multivektoriale Entwicklung ihrer Geschichte werden von Russland als Zeit der Unterwerfung durch andere Völker und des Strebens, sich von ihrem „Joch“ zu befreien, dargestellt.       

Die Rus des 9. bis13. Jahrhunderts ist nicht nur der Ausgangspunkt für das russische Geschichtsnarrativ, sondern auch Teil (aber nicht der Anfang!) der Geschichte der Ukrainer und Belarussen sowie von Ruthenen in der Slowakei, Polen, Ungarn und Rumänien. Die rus jener Zeit ist in verschiedene Geschichtsbilder eingeflochten und wird in diesen unterschiedlich dargestellt. Die nicht-russische rus definiert ihre Wurzeln in einem ethnokulturellen, die moscoviten im staatszentralistischen, imperialistischen Sinn.   

Aber wieso sollte eine rus, die lange oder sogar ihre gesamte Geschichte hindurch unabhängig von der moskwa bestand, verpflichtet sein, in deren Fahrrinne dem Narrativ zu folgen, das das Rus(s)ländische für sich allein beansprucht? In nationalen und regionalen Narrativen steht die rus (die Völker, Volksgruppen, subethnischen Gruppen) oft nicht in Verbindung mit der Rus des 9. bis 13. Jahrhunderts und somit auch nicht mit der Staatlichkeit. 

Russland definiert seine Ursprünge und seine Nachfolgerschaft entlang der Herrschaftslinien. In den ersten Chroniken, die aus der Perspektive der regierenden Dynastie der Rurikiden verfasst wurden, erscheint die Rus als politisch und religiös homogenes Konglomerat aus Fürstentümern mit ethnokulturell und sprachlich gemischter Bevölkerung. Der Kyjiwer Thron wurde nicht vererbt, sondern ging als Lehen von einem Rurikiden auf den nächsten über.  

Auf dem Kyjiwer Thron lösten manchmal innerhalb eines Jahres mehrere Rurikiden aus verschiedenen Fürstenhäusern einander ab. Die Herrscherdynastie wuchs und verzweigte sich. Landesfürsten, die nicht mehr damit rechneten, auch mal an die Reihe zu kommen, stärkten also lieber ihre eigenen Ländereien für sich selbst und ihre Nachkommen. So wurde die Regionalisierung der Rus immer deutlicher, und zu Beginn des 13. Jahrhunderts konnte von einer überregionalen Gemeinsamkeit rus(s)sischer Länder keine Rede mehr sein.  

Zu Kyjiw und den freien Städten Nowgorod und Pskow kamen die Fürstentümer Polazk, Smolensk, Wladimir-Susdal, Rjasan, Tschernihiw, Perejaslawl und Galizien-Wolhynien hinzu. Sie waren praktisch eigenständig, bekriegten einander und teilten sich weiter auf. Was sie vereinte, war vor allem die Herrscherdynastie und die orthodoxe Religion. Was sie trennte, waren die jeweiligen Gebietsgrenzen.   

Infolge der mongolischen Invasion 1237-1240 zerfiel das Kyjiwer rus(s)ische Herrscherhaus. Die Gebiete der ehemaligen Rus wurden in andere staatliche Gebilde integriert: das Großfürstentum Litauen, das Polnische Königreich und nach deren Zusammenschluss 1569 in den neuen Staat Polen-Litauen, Rzeczpospolita genannt. Manche Gebiete wurden von der Goldenen Horde unterworfen.  

Das Fürstentum Galizien-Wolhynien blieb bis in die 1320er-Jahre autonom, ebenso das Fürstentum Kyjiw und Nowgorod bis in die 1470er. Jedenfalls war die rus gegen Ende des 15. Jahrhunderts, grob gesagt, in eine Litauische und eine Moskauer Rus aufteilt, und die Spaltung der Metropolie Kyjiw schwächte ihre grenzübergreifenden Verbindungen noch mehr.  

Jene rus(s)ischen Gebiete, die nicht der Goldenen Horde, sondern dem Großfürstentum Litauen oder dem Polnischen Königreich zugeteilt wurden, gerieten in den Einflussbereich des Heiligen Römischen Reiches. In unterschiedlicher Intensität nahmen sie so manche kulturellen Eigenheiten des Westens an.  

In der frühen Neuzeit formierten sich neuerlich und auf unterschiedliche Art verschiedene rus als ethnokulturelle „Wir-Gruppen“ in neuen politischen und kulturellen Räumen. Jede adaptierte das (früh)moderne allgemeineuropäische Koordinatensystem auf eigene Weise. Jede rus suchte ihren neuen Platz auf der politischen und kulturellen Landkarte Europas – ob selbständig oder inklusiv. Das geschah mal in Koexistenz, mal mit Konfrontation und Interaktion entlang der verschiedenen historischen und kulturellen Identifikationslinien sowie vor dem Hintergrund von Zwiespalt innerhalb der christlichen Kirche, der im 17. Jahrhundert in scharfer interkonfessioneller Polemik gipfelte.     

Selbst Russland erhob bis zur zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts nicht den Anspruch, Nachfolger der frühen Rurikiden zu sein. 

Ihre Ursprünge sah jede rus nun nicht mehr unbedingt in der Rus des 9. bis 13. Jahrhunderts. Nicht einmal mehr auf der Ebene der verschiedenen Stände und Konfessionen stimmten ihre Vorstellungen über die Anfänge noch überein. 

Selbst Russland erhob bis zur zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts nicht den Anspruch, Nachfolger der frühen Rurikiden zu sein. Die Geschichte seines Fürstentums sah es vielmehr im 13. Jahrhundert verwurzelt. Kyjiw war indes längst Teil eines anderen Staates. Und nur noch in Gebeten wandte sich Moskau an Fürst Wladimir den Heiligen und Täufer. Bis in den 1630er und 1640er Jahren Geistliche aus Kyjiw, die Moskau um Unterstützung für ihre orthodoxe Kirche baten, die Idee unterbreiteten, dass die russische Staatlichkeit sich doch von den frühen Rurikiden ableite.    

Andere rus-ukrainische Intellektuelle waren im 17. Jahrhundert allerdings davon überzeugt, dass die rus und moskau nicht das gleiche Volk seien. So zum Beispiel der Verfasser der Hustynja-Chronik (1620er Jahre), der alle damals bekannten (vor allem, aber nicht nur antike) Versionen zur Herkunft der Slawen gewissenhaft sammelte. Er erwähnte noch ein weiteres slawischsprachiges Volk, das seit dem Trojanischen Krieg in Priasowje (dem vermeintlichen Entstehungsgebiet von rus und moskwa) lebte: die Tscherkassen (Kosaken). Einige Jahrzehnte später nahmen kosakische Chronisten diese Erwähnung zusammen mit westlichen Werken des 16. Jahrhunderts über die Chasaren zum Anlass, die Chasaren als Urväter der Kosaken und diese als Ureinwohner von Kleinrussland zu betrachten.     

Dieser Chasarenmythos wurde zur Grundlage der neuen historischen Identifikation der Kleinrussen. Er behielt sein Konsolidierungspotenzial für die Ukraine, während sie zum Russländischen Imperium gehörte. Die Rus des 9. bis 13. Jahrhunderts kam darin nur am Rande vor, als spätere Etappe der Nationalgeschichte.  

Im 19. Jahrhundert basierte der aktualisierte ukrainische Nationalismus noch immer auf dem Chasaren-Mythos. 1862 schrieb Pawlo Tschubynskyj die berühmten Verse, die sodann in die ukrainische Nationalhymne einflossen:  

„Leib und Seele geben wir hin
für unsere Freiheit,
und wir zeigen, dass wir Gebrüder
kosakischer Herkunft sind.“

Im Großfürstentum Litauen erzeugte die rus in der frühen Neuzeit kein eigenes Narrativ, sondern löste ihre Anfänge im Litauischen auf: Schon in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts stellte sie ihre Quellen als ausschließlich mit Litwa verbunden dar. Zumal es im Großfürstentum Litauen sehr tolerant zuging: rus und Litwa passten sich auf verschiedenen sozialen Ebenen des Alltagslebens an.      

Die Gebiete der rus hatten im Großfürstentum Litauen keine Verwaltungsautonomie, aber die Sprache der rus war lange eine der Amtssprachen (anfangs die vorrangige). Generell waren im 17. Jahrhundert die familiären, lokalen, regionalen Verbindungen der rus im Großfürstentum Litauen stärker als überregionale ethnokulturelle. Im 19. Jahrhundert riefen die Wegbereiter des belarussischen Nationalismus zur „ewigen Einheit“ mit Litauen auf, wo die rus „wie der Kern in der Nuss“ sei. Die Rus des 9. bis 13. Jahrhunderts zogen sie als Wiege ihrer Geschichte nicht in Betracht.    

Ein Großteil der rus hörte auf, ihren Ursprung in der Kyjiwer Rus zu sehen und hat nie ihre Vergangenheit mit dem Fürstentum Moskau verbunden. 

Vom Zerfall der Rus bis ins 17. Jahrhundert, als sich im Osten Europas eigenständige Nationen zu entwickeln begannen, blieb in der rus die regionale Identifikation die Hauptsache. Ein Großteil der rus verband ihre Vergangenheit nicht mit Moskau und betrachtete die Moskauer Rurikiden nicht als rechtmäßige Nachfolger der Rus des 9. bis 13. Jahrhunderts. Selbst als sie teilweise ins Russische Zarenreich integriert wurden, unterschieden sich diese Gruppen von der Moskauer rus.  

Die Vorstellung eines angeblich seit Urzeiten vereinten russischen Volkes manifestierten nur zwei Narrative: das imperialistische (in dem die „rus“ dem russländischen Staat unterstellt ist) und das religiöse orthodoxe (in dem die „rus“ ausschließlich die Orthodoxen sind). Doch Rus und rus sind historisch und heute noch unterschiedliche Dinge. 

Dementsprechend muss man von unterschiedlichen historischen Narrativen des „Eigenen“ sprechen, über unterschiedliche historische Perspektiven und über unterschiedliche ethnokulturelle Volksgruppen und Völker. 


Diesen Beitrag veröffentlichen wir in Kooperation mit der Deutschen Sektion der Deutsch-Russischen Geschichtskommission und dem BKGE Oldenburg

Dieser Beitrag ist ein Teil unseres Projekts „Russlands Geschichtsmythen entlarvt“.

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    Fußnoten

    Warum wird rus hier kleingeschrieben? 
    Es gibt unterschiedliche Wir-Gruppen, die aus der Rus hervorgegangen sind. Unter rus (mit kleinem r) verstehe ich jene Wir-Gruppen, die nach dem Zerfall der Rus im 13. Jahrhundert ihre Vergangenheit und Institutionen mit der Rus in Verbindung brachten.
    rus ist kein Ethnonym, keine Selbstbezeichnung eines Volkes. Die Bezeichnung „rus“ verbreitete sich seit dem 14. Jahrhundert im Großfürstentum Litauen und in Polen-Litauen für Menschen, die in den Gebieten der zerfallenen Rus lebten. Die Bevölkerung von Litauen und Polen nannte sich in Abgrenzung zu ihnen Ruthenen bzw. Russinen. Im nordöstlichen Europa waren nach wie vor Selbstbezeichnungen anhand konkreter Regionen üblich: Susdaler, Nowgoroder, Moskauer und dergleichen.
    Mit dem Sammelbegriff rus lässt sich die heute so beliebte synonyme Verwendung von „rus(s)sisch“ und „russländisch“ vermeiden.